Victor Kuleshov Die weltberühmten Kosaken

In so manchem Hollywoodfilm erscheinen sie als temperamentvolle mit Säbeln tanzende, trinkfreudige Raufbolde auf feurigen Pferdchen, die weder Gott noch Teufel fürchten. Die Kosaken, denn um die handelt es sich hier, sind wirklich sehr bemerkenswerte Russen. Wie die Riten und die Gesänge der orthodoxen Kirche symbolisieren sie für Millionen Menschen das alte Russland, das für Westeuropäer gerade weit genug entfernt ist, um die Neugier auf fremde, andersartige Kulturen und Völker auf angenehme Weise zu stillen.

Die Niederlande und Deutschland haben erst zu Ende der napoleonischen Besatzung mit den Kosaken Bekanntschaft gemacht. Nach dem Fall des französischen Kaiserreiches im Jahre 1813, der mit der Völkerschlacht bei Leipzig begann, zogen zahlreiche russische Truppeneinheiten, da heißt Kosaken, durch Deutschland und die Niederlande, um ihre französischen Herrscher zu vertreiben. In jener Zeit regten die Kosaken mit ihren Bärenfellmützen und ihrer großen Kampflust die Phantasie der Zeitgenossen an. So wie Amerikaner und Kanadier dies taten, die 1945 Westeuropa von den Nazis befreiten. Denn jeder Befreier, vorausgesetzt er erweist sich nicht als der nächste Besatzer, ist natürlich ein Held.

Seit mehr als 500 Jahren sind die Kosaken bekannt, und in dem halben Jahrtausend haben sie großen Einfluß auf die Entwicklung des Moskauer Fürstentums, des russischen Kaiserreiches und des russischen Imperiums insgesamt ausgeübt.

Der Name „Kosak“ stammt aus dem Türkischen und bedeutet soviel wie „freier, unabhängiger Mann“, ziemlich bedeutsam für ein Land in einer Zeit, in der das Leibeigentum ganz selbstverständlich war. Diese freien, unabhängigen russischen Männer waren eigentlich eine Art Landstreicher, die sich außer der Kontrolle von russischen Fürsten auf freier Bahn aufhielten, namentlich an den Uferndes Don und seiner Nebenflüsse. Durch die Jagd, die Fischerei und das Eßbare, das der Wald hergab, hielten sie sich am Leben. Von Landwirtschaft war keine Rede. Sie führten in jeder Hinsicht ein wildes Leben, in dem für die Gründung von Familien und den Aufbau eines festen sozialen Gefüges kaum Raum war. Eigentlich waren sie Vagabunde. Kleidung und Waffen wurden durch Raubzüge in den am Asowschen Meer gelegenen Dörfern der Krimtataren und Türken erworben, aber auch durch Überfälle auf Handelskarawanen, die den Don und die Wolga entlangzogen. Mit leichten Segelschiffen befahren sie das Kaspische Meer, das Asowsche und das Schwarze Meer bis nach Konstantinopel (heute Istanbul).

Die Blutsverwandtschaft mit dem russischen Volk wurde jedoch nie aus den Augen verloren. So kamen Kosakenverbände - denn im Laufe der Zeit begann sich etwas Ähnliches wie eine militärische Organisation abzuzeichnen – den russischen Truppen zu Hilfe, als Zar Iwan der Schreckliche die Stadt Kasan eroberte. Auch schlugen sie sich an der Ostseeküste, um dem Fürstentum von Moskau die Vorherrschaft über andere Fürstentümer zu verschaffen. Sie waren es, die sich mutig und fanatisch den schwedischen Invasionsheeren entgegenwarfen und sie aus dem russischen Hoheitsgebiet vertrieben. Jahrhunderte hindurch waren sich die Herrscher von Russland der wichtigen militärischen Rolle der Kosaken bewußt: die Befreinug vom Tatarenjoch, der Sieg in den Türkenkriegen und die Vertreibung Napoleons und seiner Armeen war zu einem großen Teil den Kosaken zu verdanken.

Die russischen Zaren bemühten sich, die Kosaken an sich zu binden: Waffen, Munition, Geld, Güter und Nahrungsmittel strömten unablässig an den Don. Dies war eigentlich die einzige Art, überhaupt einen Einfluß auf das unruhige Kosakenvolk zu behalten. Mit soviel bewaffneter Tatkraft im Rücken blieb den Zaren gar nichts anderes übrig. Die Kosaken hätten sich ja auch gegen sie stellen können, aus welchen Gründen auch immer. Die Kosaken nämlich gehorchten nur dem selbstgewählten Ataman!

Um 1800 erreichte der Ruhm der Kosaken, besonders der der Donkosaken, seinen Höhepunkt. Seite an Seite kämpften sie mit den regulären russischen Trup pen unter der Führung von Suworow. Unvergänglichen Ruhm ernteten sie im italienischen Feldzug nach einem beschwerlichen Marsch über die Alpen. In Österreich und Preussen kämpften sie gegen Napoleon und seine Armeen, zogen bis an die Nordseeküste und erreichten sogar Paris.

Am Don stand die Wiege aller Kosaken. Zu Beginn dieses Jahrhunderts bildeten sie elf Armeen: am Don, dem Kuban, in Astrachan, dem Terek, in Uralsk, in Orenburg, in Semirjetschensk, am Usuri, am Amur, in Sibirien und in Transbaikalien. Alle diese Armeen bestanden aus sogenannten „Sotnie“ (Hundertschaften) und Regimentern des Donheeres. Sie siedelten dort, wo es Grenzen zu bewachen und nötigenfalls zu verteidigen galt. Allein schon am Don war es möglich, 70.000 „Säbel“ (erfahrene Reiter) zu mobilisieren.

Im 19. und zu Anfang des 20. Jahrhunderts gab es keinen vom Kaiserreich Russland geführten Krieg ohne die Teilnahme der Kosakenverbände: sie kämpften im Kaukasus, auf der Krim, im russisch-türkischen Krieg mit, sie beteiligten sich an der Befreiung von Bulgarien und kämpften gegen das deutsche kaiserliche Heer im 1. Weltkrieg von 1914 - 1918.

Die kommunistische Umwälzung von 1917 rief eine gewisse Spaltung in der Kosaken-Gemeinschaft hervor: nur die „Besitzlosen“ unter ihnen folgten den Bolschewiken. Die übrigen verhielten sich neutral bis abwartend, die Loyalität gegenüber dem Land war für sie größer als die dem Zaren gegenüber (der inzwischen abgesetzt worden war). Jedoch dauerte die Zurückhaltung nicht lange. Menschen, die gewohnt waren, ihre Meinung laut und deutlich zu verkünden, bekamen große Schwierigkeiten mit den kommunistischen diktatorischen Machthabern. Ab 1919 wurden die Kosaken als Volk nahezu ausgelöscht, die Kosaken wurden blutig verfolgt. Als militärischer Machtfaktor wurden sie zerstört. Ihnen blieben zwei Möglichkeiten: in die Emigration zu gehen oder die Abstammung mehr oder weniger zu leugnen. Mit anderen Worten, die in der Sowjetunion zurückgebliebenen Kosaken gingen als Gemeinschaft „in den Untergrund“, was siebzig Jahre andauerte.

Nach dem Fall des Kommunismus tauchten sofort Nachkommen des früheren Kosakenheeres auf. Inzwischen gibt es wie von alters her an den Ufern des Don aber auch anderswo wieder Niederlassungen von Kosaken, sogenannte „Stanizij“, geführt vom „Ataman“. Die Kosaken befinden sich wieder am russischen Firmament.




Konzertdirektion LANDGRAF